Wenn Feiern zum Beruf wird

David arbeitet als DJ in der elektronischen Musikszene Wiens. Seine Geschichte ist die eines Künstlers, für den die Grenzen zwischen Sucht und Arbeit im Drogenrausch verschwimmen.

Alle Namen wurden von der Autorin geändert.

von Laura Lorber

David macht sich auf den Weg. Es ist Donnerstagabend, 22 Uhr. Vor weniger als sechs Stunden saß er noch im Büro und ging seinem “normalen” Job nach. Anstatt jetzt abzuschalten, geht die Arbeit für ihn weiter. Im Club angekommen begrüßt er bekannte Gesichter: Türsteher:innen, Veranstalter:innen und Kolleg:innen. An der Bar bekommt er Getränkebons für den Abend, im Backstage zieht er seine erste Nase Kokain. Er hat eine lange Nacht vor sich. Von zwei bis vier Uhr morgens wird er spielen, unter Einfluss verschiedenster Drogen. Dabei ist der Konsum für David ein Balanceakt – wie viel kann er konsumieren, um gut “vorbereitet” zu sein, wie wenig darf er konsumieren, um noch zu wissen, was er tut? Nach vier Uhr kann David sich entspannen. Im Backstage trifft er Freunde und Kollegen, bekommt Drogen spendiert, unterhält sich über seine Arbeit und die Pläne für das kommende Wochenende. Im Bett ist er erst gegen sechs Uhr. Bald muss David wieder aufstehen. Von zwei Stunden Schlaf kann er nur träumen.

David ist seit fünf Jahren in der Wiener Partyszene als DJ tätig. Dabei sind Drogen ein wesentlicher Teil seiner Arbeit. Er konsumiert mehrmals die Woche Kokain, Cannabis, Speed, Ketamin, manchmal Ecstasy – meistens gemischt. Bevor David DJ wurde, war das anders. „Ich habe auch konsumiert, aber nicht in diesem Ausmaß.“ Seit er mit der Musik begonnen hat, ist die elektronische Musikszene Wiens nicht nur Arbeit, sondern auch Privatleben für David. Wenn er nicht selbst „auflegt“, verbringt er seine Nächte auf anderen Parties oder Raves und hört sich die Musik seiner Freunde und Kollegen an. 

David bei der Arbeit ©Laura Lorber

Alltag im Drogenrausch

In der Szene, in der David lebt und arbeitet, ist der alltägliche Mischkonsum von Partydrogen, Cannabis und Alkohol die Regel. Am meisten verbreitet sind aufputschende Mittel wie Kokain, Speed oder Ecstasy, die eine stimulierende Wirkung auf das Nervensystem haben. Man verspürt Glücksgefühle, ein gesteigertes Selbstbewusstsein und ausdauernde Wachheit. Neben diesen verbreiteten Stimulanzien werden oft auch Ketamin (ein Narkosemittel, das vorwiegend in der Tiermedizin verwendet wird und starke Wahrnehmungsverzerrungen hervorrufen kann), sowie Liquid Ecstasy (K.O. Tropfen) oder Halluzinogene (zum Beispiel LSD) konsumiert.

Laut dem Bericht zur Drogensituation Österreich aus dem Jahr 2021 konsumieren etwa 6.5 Prozent der Österreicher:innen zwischen 15 und 64 Jahren einmal im Leben Kokain, etwa fünf Prozent Ecstasy und fünf Prozent Amphetamine. Etwa 0.5 Prozent konsumieren regelmäßig. Kokain ist nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte illegale Droge. Die Folgen des Konsums sind sowohl kurz- als auch langfristig spürbar. Stunden oder Tage nach dem Konsum kann es unter anderem zu depressiven Verstimmungen, Angstzuständen, Aggression oder Gereiztheit kommen. Regelmäßiger Konsum führt zu einer psychischen Abhängigkeit und kann langfristig psychotische Schübe, Paranoia und Depression, sowie körperliche Schäden an Herz, Hirn, Nieren, Magen und diversen anderen Organen, Gewichts-, und Libidoverlust sowie chronischen Schnupfen und eine durchlöcherte Nasenscheidewand zur Folge haben.

Konsumiert wird in der Szene trotzdem – reichlich und aus den verschiedensten Gründen. Laut David sei es vor allem die andauernde Müdigkeit, die es gilt auszugleichen, aber auch der Leistungsdruck, der viele DJs dazu bewegt, zu konsumieren. „Künstler stehen unter enormem Druck und haben oft das Gefühl, sie müssen gewisse Erwartungen erfüllen. Dadurch entsteht schnell ein Problem mit dem Selbstwert. Es gibt viele, die gar nicht ohne Drogenkonsum spielen können, weil sie den Druck nicht aushalten.“ 

Drogen und Utensilien (Symbolfoto) ©Laura Lorber

Zwischen Kunst und Kokain

Auch Größen der Szene wie Techno-DJ Sven Väth oder Paul Kalkbrenner sprechen offen über Drogen als Teil ihres Jobs. „Mit 24 stand ich zugekokst im Kreissaal, als meine Tochter geboren wurde. Danach musste ich erst wieder lernen, nüchtern durch die Nacht zu kommen. Das war ein harter Kampf.“ sagt Väth heute. Paul Kalkbrenner sagt 2015 gegenüber dem Spiegel: „Nachtleben, daran gibt es keinen Zweifel, ist Drogenleben. Der durchschnittliche DJ kommt dauernd mit Drogen in Kontakt. Er entwickelt sich zum Spezialisten für künstliche Stimulanzien, oft auch zum Abhängigen. Sich mit Drogen auszukennen, ist sein zweiter Beruf.“ Auf Drogen Musik machen würde er sich allerdings „als Allerletztes antun.“ 

Auch David ist der Meinung, Drogen würden die Kreativität eher hemmen als sie zu fördern. „Es ist ein Trugschluss. Die Drogen täuschen deine Sinne so, dass du im Moment glaubst „Wow, das ist richtig gut“. Wenn du es dir im Nachhinein aber anhörst merkst du, dass es gar nicht so geil war, wie es dir im Moment vorgekommen ist.“ Oft fällt es David schwer, die richtige Balance zu finden: Konsumiert er zu wenig, ist der Druck zu hoch. Konsumiert er zu viel, leidet die Qualität.

Dazugehören – um jeden Preis

David weiß, dass er süchtig ist. Er schätzt, dass über 90% der DJs, vor allem in der elektronischen Szene, Drogen konsumieren. “Bei den meisten DJs stellt man sich vor, dass sie konsumieren. In den allermeisten Fällen ist es auch so.“ Trinken würde eigentlich jeder, das gilt in der Szene nicht als Droge. „Ich weiß nicht, wie viele DJs offen über ihre Sucht reden würden, aber hinter den Kulissen würden das, glaube ich, viele für sich selbst so analysieren. Wenn man nicht konsumiert ist man definitiv in der Minderheit.“ berichtet David. 

Es ist also kein Geheimnis – der Konsum von Drogen ist ein substanzieller Teil der Szene, egal ob bei den Künstlern oder im Publikum. „Im Nachtleben gehört der Konsum quasi zum guten Ton“, meint auch David. „In der Szene geht es viel ums Socializen. Das ist total wichtig. Gerade am Anfang denken viele, dass sie mitkonsumieren müssen, um schneller durchstarten zu können. Man will dazugehören. Sobald man dabei ist, geht’s erst richtig los. Dann kommt man schwer wieder raus.“ Aus einem Mal werden viele, aus einer Nacht wird Alltag. So war es auch bei ihm.

DJ-Equipment ©Laura Lorber

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